Menschen sehen den Wind nicht. Sie sehen, was er bewegt: Bäume, Gras, Wolken, Haare.
Wir Falken spüren den Wind ständig. Wir bemerken jede Veränderung und jede kleine Bewegung der Luft.
Für Menschen ist Wind Wetter. Für uns Falken ist er eine Sprache.
Wenn ich auf dem Falknerhandschuh sitze, dann erzählt mir der Wind bereits vieles, bevor ich überhaupt zum Flugtraining starte.


Ob die Luft ruhig oder unruhig ist, ob sie trägt oder fällt, ob irgendwo Thermik entsteht, ob das Fliegen leicht oder anstrengend wird. Der Wind streicht durch mein Gefieder und hebt einzelne Federn leicht an. Selbst kleinste Luftveränderungen nehme ich wahr.
Manchmal trägt mich der Wind fast mühelos nach oben. Dann breite ich nur noch die Flügel aus und lasse mich gleiten.
Das sind die Momente, in denen Fliegen nicht nach Arbeit aussieht. Und sich vermutlich genau so anfühlt, wie ihr Menschen euch Freiheit vorstellt.

Doch Wind kann auch schwierig und gefährlich sein.
Zu starker Wind kostet Kraft. Unruhige Luft verlangt Konzentration. Fallwinde, Böen oder Verwirbelungen können selbst erfahrene Falken überraschen.
Straßen und Bahnschienen sind für viele Falken, Greifvögel und Eulen gefährliche Orte.
Nicht nur wegen der Fahrzeuge selbst. Auch der Luftsog und die Verwirbelungen vorbeifahrender Autos, LKWs oder Züge können einem Vogel plötzlich die Kontrolle nehmen. Besonders dann, wenn er tief fliegt oder am Straßenrand oder in der Nähe der Schienen sitzt. Ein kurzer Moment reicht manchmal aus und aus einem ruhigen Flug wird ein schwerer Unfall. Solche Situationen erinnern daran, wie verletzlich selbst die besten Flieger des Himmels sein können.
Meine Schwester ist in ihrem ersten Jahr beim Freiflug aufgrund einer starken und unerwarteten Windboe tödlich verunglückt.
Ich weiß also, dass der Wind dein bester Freund oder dein schlimmster Feind sein kann.

Falken beobachten die Luft sehr genau. Nicht mit den Augen, sondern mit dem ganzen Körper.
Ein guter Flug fühlt sich harmonisch an. Fast so, als würde die Luft mit uns Vögeln zusammenarbeiten.
Ein schlechter Flug dagegen ist anstrengend und unruhig.
Viele Menschen denken, Falken würden einfach nur fliegen. Aber eigentlich lesen wir ständig die Luft.
Vielleicht schauen Falken deshalb manchmal so aufmerksam in die Ferne.
Nicht weil dort unbedingt etwas zu sehen ist. Sondern weil dort etwas zu spüren ist.

