Mein Mensch liest mir ja so einiges über mich und meine gefiederten Kollegen vor. Besonders oft stolpere ich über zwei Wörter, die gern durcheinandergeworfen werden: artgerecht und tiergerecht.
Für viele klingt das gleich. Für mich als Falke macht das aber einen Unterschied, und zwar einen ziemlich wichtigen.



Artgerecht: das Leben nach Lehrbuch
Wenn Menschen von „artgerecht“ sprechen, meinen sie meistens:
Ein Falke gehört in die freie Natur, soll jagen, fliegen, brüten, eben alles so machen wie seine wilden Verwandten.
Vom Grundgedanken her ist das nachvollziehbar. Natürlich bin ich ein Falke. Fliegen, jagen, beobachten, das steckt in mir.
Diese Bedürfnisse einfach zu ignorieren, wäre nicht in Ordnung.
Aber jetzt kommt der Punkt, den viele übersehen:
Nicht jeder Falke lebt unter denselben Voraussetzungen.
Tiergerecht: mein echtes Leben zählt
„Tiergerecht“ fragt nicht nur: Was macht ein Falke normalerweise?
Sondern vor allem:
Wie geht es genau diesem Falken – mir – in meiner aktuellen Situation?
Ich lebe bei meinem Menschen. Ich bekomme regelmäßiges Training, Freiflug, hochwertiges Futter, tierärztliche Betreuung und vor allem: Sicherheit.
Ich muss nicht verhungern.
Ich muss nicht gegen stärkere Rivalen verlieren.
Ich muss nicht jeden Winter ums Überleben kämpfen.
In der Natur gilt nun mal kein romantisches Märchen, dort gilt das Gesetz des Stärkeren.
Tiergerecht bedeutet für mich:
Mein Leben ist so gestaltet, dass meine Bedürfnisse erfüllt sind und es mir gut geht.



Warum die Schwarz-Weiß-Denke nicht funktioniert
Manche sagen:
„Ein Falke gehört grundsätzlich nicht in Menschenhand.“
Ich frage mich dann immer: Woher wollen sie wissen, wie mein Leben wirklich aussieht?
Wenn ich mich nicht wohlfühlen würde, hätte ich Möglichkeiten wegzufliegen. Falken bleiben nicht aus Höflichkeit.
Wir bleiben dort, wo die Bedingungen stimmen.
Gute Falknerei orientiert sich nicht daran, mich „festzuhalten“, sondern daran, mit mir zu arbeiten, mit Respekt, Wissen und regelmäßigem Training.
Artgerecht ist ein wichtiges Leitbild. Tiergerecht ist die Realität, die wirklich zählt.
Am besten ist es, wenn beides zusammenkommt:
✔ artspezifische Bedürfnisse verstehen
✔ das individuelle Tier im Blick behalten
✔ Haltung ständig hinterfragen und verbessern
Denn am Ende geht es nicht um Schlagworte.
Sondern um mich.

