Dirk Harders ~ 9 ~ Wildflug

Dirk, worin besteht der Unterschied zwischen Vollwildflug- und Halbwildflughaltung?
Und was gibt es dabei für Vorteile und Nachteile?

Früher versuchte man den Falken über die Federspielarbeit Flugkraft und Ausdauer anzutrainieren. Um 1975 wurde noch davor gewarnt, solche Trainingsflüge auf die Mittagszeit zu legen, weil hier die Thermik zu stark sei und man Gefahr laufen würde, den Falken durch unkontrollierbares Schweimen zu verlieren. Und genau hier lag der Hase im Pfeffer. Man ging im Kollektiv davon aus, dass man einfach keine Kontrolle mehr über den Greifvogel hätte, statt einfach mal abzuwarten, was eigentlich passiert. Sobald sich der Vogel zu damaligen Zeiten 100 m in die verkehrte Richtung entfernt hatte, wurde er zurückgerufen.

Zu diesem Zeitpunkt gab es allerdings einen Greifvogeltrainer in Spanien, der andere Wege ging. Exakt zur Mittagszeit ließ er seine Wanderfalken fliegen. Diese Art des Trainings hatte natürlich große Auswirkungen auf das Grundflugvermögen und somit auch auf die nun möglich gewordenen Jagdleistungen. Seine Wanderfalken „Savall“ oder „Donza“ wurden dadurch europaweit bekannt. Der Terzel „Savall“ brachte aufgeschirrt und verhaubt 550 g auf die Waage. Absolut jeder Jagdflug dieses kleinen Terzels war erfolgreich.

Das Prinzip einer Vollwildflughaltung nutzten wir eigentlich nur zum Zweck der Auswilderung von jungen Pflegefällen. Sie werden so lange von uns mit Atzung/Futter versorgt, bis diese liegen bleibt und nicht mehr genutzt wird. Sporadisch lassen sie sich dann noch mal blicken, aber irgendwann bleiben sie dann ganz aus. Das ist dann das Zeichen für uns, dass sie selbständig geworden sind.

Um einen Vollwildflug zu praktizieren benötigen die Jungvögel ein passendes Gelände mit einem Hacktower, in dem sie in einem Alter von 35 Tagen eingesetzt werden. Über ein Rohrsystem werden sie ohne weiteren Kontakt zum Menschen mit Atzung versorgt. Bis zum Jungfernflug im Alter von ca. 45 Tagen können sich die Jungvögel das Gelände einprägen. Da die Falken aus einer solchen Halteform in aller Regel für den Verkauf bestimmt sind, werden sie häufig schon nach 14 Tagen wieder eingeholt, da man befürchtet, dass sie zu früh selbständig werden könnten. Die Nachteile bestehen aus meiner Sicht darin, dass die Jungvögel nach so kurzer Zeit noch nicht optimal beflogen sein können, und zum anderen müssen sie ja erst einmal locke gemacht werden. Bis es dann zum ersten Freiflug kommt vergehen mindestens 10-14 Tage, in denen sich die Muskulatur weiter abgebaut hat. Daher bevorzuge ich eine andere Art des Einfliegens.


Bei einem Thermikflug erreicht „Badzi“ das Gipfelkreuz der Kampenwand in 1669 m Höhe

In der Natur werden die jungen Sakerfalken nach dem Ausfliegen weitere 4-6 Wochen durch die Altvögel betreut und weiterhin mit Atzung versorgt. Während dieser Phase lernen die Jungvögel perfekt zu fliegen, um dadurch selbständig Beute machen zu können. Das Jagen muss ihnen nicht beigebracht werden, es ist genetisch festgelegt.

Aus persönlicher Erfahrung kann ich nur Angaben zur Halbwildflughaltung machen. Mit dieser Art des Einfliegens haben wir optimale Ergebnisse erzielen können. Bei einem Full- oder Sozialimprint ist es während der gesamten Aufzuchtphase extrem wichtig, dass jeden Tag sehr viel Zeit in diese Vögel investiert wird. Sie sollen und können gerne mit mir „reden“, aber niemals lahnen. Für ihr Kopfkino müssen sie immer Programm haben. Solche Imprints wie eine Altvogelaufzucht zu behandeln wäre der größte Fehler. Einem berufstätigen Greifvogeltrainer ist es daher zeitlich überhaupt nicht möglich, einem Imprint das zu bieten was er benötigt, damit seine positiven Eigenschaften zum Tragen kommen können.

Sozialimprints 2009

Sobald diese Imprints 20 Tage alt sind, beginne ich damit eine Bindung an das spätere Halbwildfluggelände herzustellen. Von einem strategisch günstigen Punkt aus können sie sich das Gelände bis zu den ersten Flugübungen einprägen. Sobald sie zu fliegen beginnen, bin ich weitere 3 Wochen gemeinsam mit ihnen draußen, um die Bindung an das Gelände weiter zu festigen. Atzung habe immer dabei. Sobald ein Jungvogel über einen längeren Zeitpunkt optisch nicht zu sehen war und dann aber selbständig zum Ausgangspunkt zurückkommt, gibt es einen Belohnungsbissen. Dadurch kommt es nicht nur zu einer guten Bindung an das Gelände, sondern auch an meine Person. Sollte die Telemetrie einmal ausfallen, dann wissen die Falken, dass es sich auf jeden Fall lohnt vorbei zu schauen, wenn sie mich draußen laufen sehen.

Bevor es morgens in den Halbwildflug geht, bekommt jeder Falke so viel an Atzung ohne Gewölle bildendes Material, wie er aufnehmen möchte. So stehen den jungen Falken hohe Energiereserven zur Verfügung, um ihre Körper optimal zu trainieren, und Muskulatur aufbauen zu können. Die jungen Falken werden in keinster Weise konditioniert, sondern sie bekommen immer so viel an hochwertiger Atzung, wie sie aufnehmen möchten.

Der Aktionsradius wird im Laufe der Wochen und Monate immer größer. Später sind auch 15 km im norddeutschen Flachland keine Seltenheit, und es besteht auch kein Grund nervös zu werden. Gegen Abend trudeln sie alle wieder ein, und sie bekommen wieder so viel an Atzung angeboten, wie sie aufnehmen möchten. An manchen Tagen ist ihnen aber schon eine halbe Wachtel zu viel.

Fullimprint „Lewy“

Zum besseren Verständnis ein paar Beispiele dafür, wie sich eine solche Halbwildflughaltung auf die Flug- und Jagdleistungen eines Greifvogels auswirken:

2009 hatte ich einen Fullimprint namens „Taymir“ aufgezogen und über die oben beschrieben Halbwildflughaltung eingeflogen. Ihre ersten Beutetiere waren leider Gottes 3 Maulwürfe. Wie sie das hinbekommen hat, ist mir bis heute ein Rätsel. Wann sieht man in der Natur tagsüber schon mal einen Maulwurf? Und dann kommt sie im Laufe weniger Tage mit 3 Maulwürfen angeflogen.
Auf jeden Fall hat sie diese „Beutetiere“ immer spielerisch mit nach Hause gebracht. Ihre 1. Krähe hat sie dann nach 3 Wochen im Halbwildflug stehend in ansteigender Kondition mit 1.163 g Gewicht geschlagen. Als Jungvogel reagierte sie zu Anfang natürlich ängstlich auf die Krähen, denn diese haben sofort erkannt, dass sie einen Jungfalken vor sich hatten und haben sich so einige Späßchen mit ihr erlaubt (z.B. an den Stoßfedern ziehen). Der Kuchen war dann aber schnell gegessen, als „Taymir“ immer kräftiger und ausdauernder zu fliegen begann. Jetzt wurde es für sie ein Riesenspaß diese schwarzen Engel zu schrubben, wo immer sie sie antreffen konnte. Die Alarmrufe der Krähen waren sofort zu vernehmen, wenn sie auch nur ihre Bells hörten. Mitte November 2009 hat sie sich dann verstoßen. Suchmeldungen brachten keinen Erfolg.  4 Monate später kam dann aus über 1.200 km Entfernung eine Rückmeldung. „Taymir“ war südlich von Lyon/Frankreich bei einem Jagdflug tödlich verunglückt.

Herr Hannes Lehnhart von der Burg Hohenaschau hatte 2009 einen Sakret/Fullimprint von mir bekommen. „Badzi“ stand bei uns insgesamt 7 Monate im Halbwildflug. Als Rotvogel hatte er sich 2008 mit dem Einsetzen der Zugunruhe verstoßen. Als er aus seiner hohen Halbwildflugkondition in die Jagdkondition runterrutschte, begann er in 370 km Entfernung an einer Burgruine sofort erfolgreich auf verwilderte Haustauben zu jagen. Mitarbeiter vom Seeadler- und Wanderfalkenschutz konnten ihn von einer geschlagenen Beute aufnehmen und uns verständigen. Dieser Sakret brachte in höchster Kondition mit kugelrunder Brust lediglich 750 g auf die Waage. Während einer Trainingseinheit auf der Burg Hohenaschau erreichte „Badzi“ bei einem Thermikflug das Gipfelkreuz der Kampenwand in 1.669 m Höhe, und er stieg noch weiter. Auf ein ganz bestimmtes Handzeichen hin, ging er von dort oben in einen Sturzflug über. Als Herr Lehnhart mir diesen Flug am Telefon schilderte sagte er: „Das Fliegen, Herr Harders, hat „Badzi“ bei Ihnen gelernt.“

Einige Zeit später hat „Badzi“ sich erneut verstoßen und ist danach leider nicht wieder aufgetaucht.

Wie alle anderen Falken auch, zeigte Malawis Bruder in ansteigender Kondition seine spektakulärsten Flüge. Nach einer 3wöchigen Halbwildflughaltung setzte bei ihm die Zugunruhe ein. Am 03.08.2009 hatten wir gegen Mittag das letzte Signal von seinem Sender im Kopfhörer. Zwei Tage später konnten ihn Ornithologen 70 km südlich von Prag/Tschechien einholen. Nach einer Flugstrecke von über 850 km hatte er sein Gewicht um 30 g nach unten korrigiert.

Malawis Bruder „Jawe“

Der Vorteil einer mindestens 6wöchigen Halbwildflughaltung in höchster Kondition besteht aus meiner Sicht darin, dass die Jungfalken durch diese naturnahe Halteform ihre Gewichtsobergrenze erreicht haben. Ein weiterer Aufbau an Muskelmasse wäre auch durch andere Trainingsmethoden nicht zu erzielen. Da sie jeden Abend eingeholt werden, sind sie zudem sehr locke und mit allen Gepflogenheiten vertraut und besitzen zudem die Flugeigenschaften eines sehr guten Wildfalken. Sollten sie sich in dieser hohen Halbwildflugkondition einmal verstoßen, so sind sie jagdlich alle sofort erfolgreich gewesen. Mit einem Greifvogel aus einer solchen Halteform kann sofort weitergearbeitet werden. Für einen berufstätigen Greifvogeltrainer, der nur an den Wochenenden Zeit für seine Vögel hat, ist es praktisch unmöglich dieses hohe Grundflugvermögen aufrecht zu halten.

Dana
Sakerfalke
Female F. Cherrug
24.04.1997 – 25.04.2013

Dieser weibliche Sakerfalke hat mir schon vor 20 Jahren meine Grenzen als Greifvogeltrainer aufgezeigt. Sie stammt aus der Zucht von Erwin Röglinger/Kolbermoor/Bayern. Nur durch eine naturnahe Halteform konnte sich „Dana“ als Jungvogel körperlich optimal entwickeln. Aus den anfänglichen 1.030 g laut Kaufvertrag wurden 1.265 g. Ihre Flugkraft und Ausdauer waren fantastisch anzusehen. Bei Testflügen am Stangenfederspiel flog sie ohne Probleme über 200 Durchgänge. Am 06.02.1999 kehrte sie nicht in ihr Wildfluggelände zurück. Alle Nachsuchen blieben erfolglos. 4 Monate später tauchte dann ein Großfalke im Hamburger Hafengebiet auf. Bei der Artbestimmung wurden sich die Ornithologen (Gerfalke) und Falkner (Gersakerfalke) nicht einig.

„Dana“ in Hamburg / Oktober 1999

Da sie jagdlich erfolgreich war, reagierte sie nicht auf ausgelegte Tauben und Enten. Die Fangversuche von behördlicher Seite schlugen daher alle fehl. Im Oktober 1999 wurde der Falke fotografiert und am 19. Dezember 1999 bekam ich dieses Foto zugeschickt. Für mich war sofort klar: Das ist sie!

Am 05. Januar 2000 gelang es mir, sie im 1. Anlauf einzuholen. Nach 11 Monaten in freier Natur lag ihr Jagdgewicht bei 1.256 g. Nur 36 Stunden nach dem Einholen stand sie ohne Scheu auf meiner Faust und nahm dort die angebotene Atzung an. Nur 4 Tage später kam sie schon wieder zur Faust beigeritten. In diesem Leben wird es mir auch nicht mehr gelingen einen Falken zu formen, der besseres Datenmaterial liefern wird. Sie ist für mich mein Maß der Dinge.

Bei allen Formen der Tierhaltung kommt es immer wieder zu unschönen Bildern und Vorkommnissen. Nur wenn man fasziniert ist von dem was man macht, und eine „gute Hand“ für die Tiere hat, wird es auch möglich sein, andere Menschen zu begeistern.

Kritische Äußerungen meinerseits sollen lediglich dazu beitragen, die Problematik zu erklären und wenn möglich, das Ergebnis zu verbessern.

Die falknerische Greifvogelhaltung bleibt für mich die optimalste Art der Greifvogelbeobachtung.

                                                         Vielen Dank für Ihr Interesse.

                                                 Dirk Harders / Oldersbek / 31.12.2020

Veröffentlicht von Ronjas Mensch

Falknerei ist kein Hobby, es ist Leidenschaft. - Ronja meint: "Falknerei ist die Kunst, einen Menschen an sich zu binden. " ;-)

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