Mein Name ist Henry und ich bin ein Habicht.

Ich darf euch erzählen, wie man erfolgreich Krähen beizt, denn das beherrsche ich nahezu perfekt. Ich jage gemeinsam mit meinem Menschen im Team. Sie fährt das Auto, das uns durch unser Revier und durch die angrenzenden Reviere bringt. Wir halten gemeinsam Ausschau nach Krähen. Sie sollten nicht zu weit weg vom Weg sein, denn ich bin ein exzellenter Kurzstreckenjäger, aber sie sollten auch nicht zu nahe am Weg sein, damit ich die Chance habe, optimal zu beschleunigen. Für die Krähen scheint das Auto harmlos zu sein, aber sobald sich das Fenster öffnet und ich aus dem Auto heraus fliege, gelingt uns der Überraschungseffekt und ich kann eine Krähe erbeuten.

Ich suche mir immer die Schwächste in der Gruppe als Beute aus, denn dann habe ich gute Chancen, die Krähe zu erwischen und selbst mit heiler Haut davonzukommen. Natürlich gibt es auch mal Fehlflüge, das ist bei der Beizjagd nicht anders als in der Natur, aber dann setze ich mich in einen Baum oder auf ein Hausdach und warte darauf, dass mein Mensch mich abholen kommt. Entweder sie sieht mich direkt, oder sie findet mich über den Sender, den ich trage, da sieht sie meinen Standort auf ihrem Mobiltelefon.
Wenn aber ein Jagdflug erfolgreich war, dann schnappe ich mir die Krähe, halte sie, so fest ich kann und stelle sicher, dass ich selbst nicht verletzt werde, denn Krähen picken gerne mit ihrem Schnabel gegen meine Augen, das ist ziemlich gefährlich.

Auch hier arbeiten wir als Team. Mein Mensch kommt dann zu mir geeilt, und ihre Aufgabe als Falknerin ist es, sicherzustellen, dass meine Beute nicht unnötig leiden muss, das bedeutet, sie muss sie abfangen (erlösen). In der Natur gibt es für wilde Habichte keine Hilfe. Da kann alles Mögliche passieren, entweder, dass der Habicht bei der Jagd verletzt wird, wenn er Pech hat, so schwer, dass er nicht mehr jagen kann und verhungern muss. Oder dass er die Krähe nicht sofort töten kann, oder dass sie verletzt entwischt.
Die Natur ist gnadenlos. Da geht es in der Falknerei zum Glück gnädig zu. Ich darf meine Natur ausleben, aber ohne die harten Konsequenzen, wenn etwas nicht klappt.
Denn wenn ich Verletzungen habe, dann kümmert sich mein Mensch um mich und bringt mich zum Tierarzt. Und wenn ich keinen Jagderfolg habe, dann bekomme ich trotzdem Futter von meinem Menschen.
Warum man Rabenkrähen bejagt, das wollt ihr bestimmt wissen. Zum einen erjage ich mir damit meine eigene Nahrung, und zum anderen ist mir die Dankbarkeit der Landwirte gewiss, weil Krähen viel Schaden auf den Äckern anrichten, indem sie frische Aussaat fressen oder frisch geborene Nutztiere verletzen, beispielsweise Lämmer.
Mir kam zu Ohren, dass es wilde Habichte oft nicht leicht haben in der Natur, besonders nicht, wenn sie denken, dass Hühner eine leichte Beute wären. Denn diese Hühner gehören Menschen und werden verständlicherweise von ihnen verteidigt. In den allerschlimmsten Fällen wurden Habichte bereits erschlagen, was ich sehr traurig finde, denn der Habicht ist nicht böse, er hat Hunger und Jagen ist seine Natur.
Ich wollte noch nie ein Huhn jagen. Wir sind in den Revieren unterwegs und da gibt es keine Hühner.

Von links: Mensch von Smilla, mein Mensch Michaela, ich.
Während der Jagdzeit sind mein Mensch und ich sehr viel unterwegs. Die ist in Baden-Württemberg auf Rabenkrähen vom 1. August bis zum 15. Februar. In Bayern vom 16. Juli bis zum 14. März. [Stand 2025]
Da wir nahe an Bayern wohnen, können wir auch dort jagen gehen, sofern wir die Erlaubnis vom Revierinhaber haben.
Außerhalb der Jagdzeit bin ich in meiner Mauserkammer, bekomme viel gutes Futter und kann in Ruhe mausern. Das hat sich in der Falknerei mit Habichten bewährt.
Ich würde ja gerne das ganze Jahr über jagen, aber mein Mensch sagt, dass wir uns an die Gesetze halten müssen.
Ein Habicht in der Natur hält sich nicht an Jagdzeiten. Ich hatte bereits erwähnt, dass es in der Natur hart zugeht, denn wenn er ein Elternteil einer Vogelfamilie erbeutet, dann vernichtet er damit automatisch die ganze Brut, denn das andere Elternteil kann nicht eine ganze Familie alleine ernähren.
Ich jage gerne mit meinem Menschen zusammen. Vier Augen sehen mehr als zwei. Und sie ist wirklich gut darin, mir ein spannendes und artgerechtes Leben zu bieten.
Der Dalai Lama soll einmal gesagt haben:
„Ich bin für Gewaltlosigkeit, aber wenn ein Habicht auftaucht, während ich andere Vögel füttere, kann ich mich nicht beherrschen. Dann hole ich mein Luftgewehr.“
Wer den Dalai Lama und seinen wundervollen Humor kennt, der kann sich gut vorstellen, dass er das wirklich gesagt hat, bestimmt mit einem Augenzwinkern.
Liebe Hühnerbesitzer, bitte holt kein Luftgewehr, sondern schützt eure Tiere durch andere Maßnahmen. Tut dem wilden Habicht nichts zuleide, nur weil er seinen Hunger stillen möchte. Er ist ein fantastischer Greifvogel, so wie ich, und auch er verdient ein langes und schönes Leben, so wie wir alle.


