Dirk Harders ~ 7 ~ Hybriden

Dirk, an welche Personen verkaufst du keine Falken und was sind die Gründe?

Grundsätzlich versuche ich mir im Vorfeld ein persönliches Bild von einem möglichen Kunden zu verschaffen. Ich verkaufe nicht an Personen, von denen bekannt ist, dass sie als Greifvogeltrainer wenig taugen. Desweiteren verkaufe ich nicht an Falkenhändler aus der Golfregion. Ein Züchterkollege aus dem süddeutschen Raum sagte mir schon vor Jahren, dass mir dafür auch die richtige/falsche Einstellung fehlen würde, um meine Sakerfalken in den arabischen Raum abgeben zu können. „Wenn du deine Falken dorthin verkaufst, musst du dich damit abfinden können, dass du nie wieder etwas von ihnen hörst.“ Soll so das Ziel meiner Zucht aussehen?

Für mich ist es eher eine Frage der Wertschätzung für meine Falken und eine Frage der persönlichen Grundeinstellung. Ein bekannter Künstler der für die Saudis tätig ist, schrieb mir zu dieser Thematik: „Dirk, wenn du es vermeiden kannst, dann verkaufe nichts an die Araber!“
Es gibt ganz bestimmt auch sehr gute Greifvogeltrainer und Halteformen im arabischen Raum, aber es ist eben auch nicht alles Gold was glänzt.

Persönlich war es für mich in einigen Fällen wesentlich sinnvoller, meine Nachzuchten ganz einfach zu verschenken. Manchmal als Zeichen einer persönlichen Wertschätzung oder es gab auch Fälle, wo ganz einfach nur das Geld fehlte.

Wenn ich spüre, dass die Kunden begeistert sind, eine gute Hand für die Tiere haben, dann ist das Geld nicht immer das wichtigste Kriterium.

Dirk, wie ist deine Meinung zum Thema „Hybriden“?

Für die unterschiedlichen Lebensräume in unserer Natur ist es über einen sehr langen Zeitraum der Evolution zu ganz speziellen Anpassungsformen gekommen. Nur dadurch wird ein Leben und Überleben erst möglich gemacht. Dieser Umstand gilt für alle Tier- und Pflanzenarten, und im Besonderen für unsere Greifvögel, die an der Spitze der Nahrungskette stehen. Für jeden Jagdraum gibt es speziellen Flugeigenschaften. Diese Flugleistungen stehen in einer engen Abhängigkeit zu ihrem Flügelindex (Länge x Breite der Flügel). Durch die Einkreuzung einer anderen Rasse wird dieser verändert. Dieser nun entstandene Rassenhybride ist mit seinem neuen Flügelindex den beiden  Ausgangsformen, auf Grund seiner Unangepasstheit, in deren Jagdräumen hoffnungslos unterlegen. Durch die Einkreuzung weiterer Arten wird sich dieser Umstand noch mehr verschlechtern, z.B. Rotnackenshahin-Merlin-Präriefalke.

In den Anfängen der Greifvogelzucht lag das Augenmerk nicht darauf Hybriden zu produzieren. Wissenschaftler, Ornithologen und Falkner befürchteten ganz einfach das Aussterben des Wanderfalken. Verzweifelt wurde nun von einer Hand voll Personen in den USA und in Deutschland versucht, diese Falkenart unter Haltungsbedingungen zu züchten. Geeignete Vögel waren für dieses Vorhaben kaum vorhanden, einige Wanderfalken waren zudem noch fehlgeprägt, und so musste man mit dem Material arbeiten, welches damals eben zur Verfügung stand.

Bereits 1971 berichten Morris und Stevens aus Irland über Hybridfalken, die auf dem Wege einer natürlichen Verpaarung entstanden sind. Das Zuchtpaar bestand aus einem weiblichen Sakerfalken und einem Wanderfalkenterzel. Das Original Filmmaterial zu dieser Zucht ist auf YouTube zu finden.

Für Aufsehen sorgte eine Naturbrut in Saskatchewan/Kanada zwischen einem weiblichen Präriefalken und einem Wanderfalkenterzel, welche 1985 zwei Jungvögel aufzogen, und im Folgejahr der Beobachtung sogar 5 Jungvögel zum Ausfliegen brachte.

Heute, 45 Jahre später, finden in jeder Zuchtsaison neue Fantasieprodukte ihren Weg auf den Greifvogelmarkt. Sie werden ausschließlich aus kommerziellen Gründen gezüchtet. Ansonsten sind sie vollkommen nutzlos wie z.B. Wüstenbussard X Steinadler, Wüstenbussard X Rotschwanzbussard, Wüstenbussard X Habicht, Sperber X Habicht, Mäusebussard X Habicht, Wüstenbussard X Rotmilan, Mäusebussard X Rotmilan, Steinadler X Prachthaubenadler, Steinadler X Rotschwanzbussard, Steinadler X Kronenadler, Steinadler X Steppenadler, Gerfalke X Merlin, Gerfalke X Turmfalke, Rotnackenshahin X Merlin, Präriefalke X Merlin, Sakerfalke X Berberfalke. Viele Greifvogelzüchter lehnen die Hybridzucht aus logischen und nachvollziehbaren Gründen ab, und andere Personen sind nur aufgrund simpler kommerzieller Interessen nicht davon abzubringen.

Um zu hinterfragen, wie sinnvoll es denn überhaupt ist, Hybriden aller Art zu produzieren muss nur eine einzige andere Frage beantwortet werden. Jede Person, die innerhalb der letzten 40 Jahre Nominatformen gezüchtet und vermarktet hat, müsste diese eine Frage gestellt bekommen und ehrlich beantworten. „Was ist eigentlich aus Ihren Nachzuchten geworden?“

Schaut man sich die Resultate in der falknerischen Greifvogelhaltung etwas genauer an, dann stellt man sich eventuell doch die Frage, wie es zu so extremen Unterschieden kommen kann? Es gibt vereinzelt immer wieder Personen, die für die Horrormeldungen zuständig sind. Bei einigen dieser Vorfälle, denn von einem Ergebnis kann man schlecht sprechen, ist wohl auch der Tatbestand der Tierquälerei erfüllt worden. Leider ist es nicht immer möglich diese völlig ungeeigneten Personen im Vorfeld zu erkennen und auszusortieren.

Wenn es mit schöner Regelmäßigkeit nur zu mittelmäßigen Ergebnissen reicht, so muss auch dieses zu begründen sein. Die Hauptursache für Mittelmaß ist mangelndes Interesse, und nur mäßige Fähigkeiten als Tiertrainer. Wenn ich nicht dazu in der Lage bin, die Signale zu erkennen, die mir mein Vogel sendet, dann wird mein Greifvogel entsprechend darauf reagieren.

Dann gibt es Greifvogeltrainer, die Vögel geformt haben und auch weiterhin werden, bei denen man sich fragen muss: „Welche Eigenschaften zeichnet diese Personen aus, dass sie mit schöner Regelmäßigkeit solche ungewöhnlichen Ergebnisse erzielen können?“  Mit Glück hat es auf jeden Fall nichts zu tun.

Ein junger, roher und untrainierter Greifvogel ist wie ein feuchter Klumpen Lehm, den man noch formen kann. Wie gut oder schlecht das Endergebnis aussehen wird, ist eine Frage der Grundeinstellung zum Greifvogel, und eine Frage der persönlichen Fähigkeiten seines Trainers. Von deutlichem Vorteil ist es immer, ein guter Ornithologe mit dem Spezialgebiet „Greifvögel“ zu sein. Die hieraus resultierende Faszination ist ein wichtiger Baustein, und dieser wird sich in vielen Dingen immer positiv für den falknerisch gehaltenen Greifvogel bemerkbar machen.  Die notwendigen persönlichen Fähigkeiten als weitere tragende Faktoren, werden ein gutes Endergebnis erst möglich machen. Diese beinhalten Verantwortungsbewusstsein, Geduld, Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl. Man muss lernen, die Dinge aus der Sichtweise seines Greifvogels zu sehen, um seine Reaktionen auch verstehen zu können.

Nur wer eine „gute Hand“ für die Tiere hat, wird auch außergewöhnliche Ergebnisse erzielen können.

Außergewöhnliche Resultate sind zudem nur dann zu erzielen, wenn einem dafür täglich genügend Zeit zur Verfügung steht.

In einer Fachzeitschrift zur Pferdehaltung gab es vor einigen Jahren einen sehr aufschlussreichen Satz zu lesen. „Du benötigst kein Pferd für 20.000 Euro, sondern eines für 1.000 Euro und für 19.000 Euro Reitunterricht!“ Wenn ich ein Pferd oder Hund trainieren möchte, dann habe ich deutlich mehr Möglichkeiten und Ansatzpunkte, um auf das Tier einzuwirken, als das es bei einem Greifvogel der Fall wäre. Mit einem Greifvogel kann ich nur über die Atzung/Futter kommunizieren (Kondition ist Motivation). Beruhigendes Zureden oder gar Streicheleinheiten helfen mir hier nicht weiter. Es ist also nur ein sehr kleines „Fenster“, durch das ich meinen Vogel erreichen kann.

Einem Gerwanderhybriden werden hervorragende Flug- und Jagdeigenschaften zugeschrieben. Wenn ich mich also rein theoretisch mit dem Gedanken trage einen solchen Vogel aufzustellen, wonach suche ich dann?  Ich möchte die Flug- Jagdeigenschaften beider Ausgangsformen in einem Vogel vereint wissen. Nehmen wir also den Gerfalken als stärkste Art, und den Wanderfalken als den schnellsten Falken. Mein einziges Wunschergebnis wäre demnach ein Gerwanderhybride mit je 50 % genetisch reinem Anteil, denn nur diese Kombination würde mir mein optimales Ergebnis garantieren können. Auf dem Greifvogelmarkt finden sich aber zuhauf 3/4, 7/8 und auch 31/32 Gerwanderhybridfalken. Von den Flug- und Jagdeigenschaften her, bewege ich mich hier schon wieder in Richtung Gerfalke, und das war ja eigentlich nicht das Ziel.

Heute im Jahr 2020, findet sich in den Verkaufsanzeigen wieder häufiger die Bezeichnung „PUR“, oder es wird explizit vom Züchter darauf hingewiesen. Diese sich auf die Genetik beziehende Bezeichnung trifft leider nur noch auf 30 % aller Nachzuchten zu, der Rest sind alles Hybriden, von denen niemand mehr genau sagen kann, wie die genetische Zusammensetzung überhaupt noch aussieht.

Die exakte Bestimmung dieser Greifvogelhybriden anhand phänotypischer Merkmale ist auch für einen Spezialisten äußerst schwierig und in einigen Fällen gar unmöglich. Die Variationsbreite der Endprodukte ist derart groß, dass sich in den meisten Fällen nicht mehr als ein Abstammungsverdacht äußern lässt.

Bei 70 % der in den arabischen Raum veräußerten Gerfalken, handelt es sich nach Angaben kanadischer Gerfalkenzüchter um Hybridfalken, die in Europa produziert wurden und werden. Diese Aussage wurde nicht etwa aus Neid oder Missgunst getätigt, sondern es handelt sich hierbei um Fakten. Demnach stimmen häufig die Citespapiere nicht mehr mit der Genetik des Tieres überein. Traditionell werden im arabischen Raum nach der Jagdsaison die nicht mehr benötigten Tiere in die Natur entlassen. Dort werden sie sich natürlich nahtlos eingliedern. Dieser weithin bekannte Umstand wird lediglich als bedenklich eingestuft.

Durch die Hybridzucht ist es zunehmend schwierig geworden überhaupt noch genetisch sauberes Material für die Zucht zu bekommen. Auch wenn ein 7/8 Gersakerhybride vom optischen Eindruck her wie ein reiner Gerfalke aussieht, müssen die Citespapiere mir jedoch klar anzeigen, dass es sich bei diesem Falken immer noch um einen Hybriden handelt.

Manche Züchter hassen diese Hybriden und andere sind regelrecht fasziniert von ihnen. In den Anfängen der Hybridzucht kam aus den USA der Vorschlag, jeden Hybriden zu sterilisieren oder aber als Fullimprint aufzuziehen. Wäre man diesem Vorschlag europaweit nachgekommen, dann hätte man heute deutlich weniger Probleme. Die Zucht von Hybriden aus rein kommerziellen Gründen war der größte Fehler, den man in der Greifvogelzucht begehen konnte.

Veröffentlicht von Ronjas Mensch

Falknerei ist kein Hobby, es ist Leidenschaft. - Ronja meint: "Falknerei ist die Kunst, einen Menschen an sich zu binden. " ;-)

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