Dirk Harders ~ 5 ~ Zuchtkammer

Dirk, wie fängt man einen jungen Falken aus der Zuchtkammer heraus?

In der Regel bezieht sich diese Frage ja auf die sogenannten Altvogelaufzuchten. Wir fangen unsere Falken dann heraus, wenn der Jüngste aus der Gruppe 65 Tage alt geworden ist. Dann ist das Federwachstum sicher abgeschlossen, und vor allem beginnen die Jungvögel jetzt den Altvögeln das Leben in der Kammer schwer zu machen. Einen Tag später habe ich immer den Eindruck, dass die Zuchtpaare froh sind, wenn wieder Normalität in den Kammern herrscht.

Wer bei einer solchen Aktion schon einmal dabei gewesen ist, wird bestätigen können, dass der Stressfaktor trotz aller Vorbereitungen ziemlich hoch ist. Es gefällt mir überhaupt nicht, die Falken so stören zu müssen, und meistens trinke ich dann noch eine weitere Tasse Kaffee, um den Zeitpunkt noch etwas hinaus zu zögern.

Wenn die Zuchtkammer durch uns betreten wird, dann ist das häufig der erste Eindruck, den die jungen Falken vom Menschen bekommen. Die Altvögel stoßen Warnlaute aus und fliegen aufgeregt in der Kammer hin und her. Für die Jungfalken ist also sofort klar, dass hier etwas nicht stimmen kann. Also ist jetzt die oberste Prämisse, den Stress für alle heraus zu fangenden Vögel so gering wie nur irgend möglich zu halten. Von deutlichem Vorteil ist es immer, wenn man Personen dabei hat, die Erfahrung auf diesem Gebiet haben, weil man manchmal doch den Überblick verliert.

Nach dem Rausfangen aus der Kammer werden die jungen Falken aufgeschirrt und in der Regel verhaubt. Im Laufe von 20 Jahren haben wir natürlich verschiedene Geschühsysteme ausprobiert. Aus heutiger Sicht, würde ich ein Produkt aus England (Kaiser Slipon) empfehlen. Dieses garantiert den geringst möglichen Stress für jeden aufzuschirrenden Greifvogel. Innerhalb von 60 Sekunden sind Geschüh, Drahle und Langfessel angelegt, und danach kann sich der Vogel wieder beruhigen.

Natürlich läuft nicht immer alles nach Plan und speziell der Sakerfalke quittiert einem sofort jeden Fehler. Dann braucht es Ruhe und Erfahrung, um den Vogel wieder „runter“ zu bringen. Sobald die Falken sich wirklich beruhigt haben, werden sie gewogen, damit jeder Kunde schon mal einen leichten Anhaltspunkt hat. In der Regel sind die Falken alle zu gut genährt.

Nun beginnt die eigentliche Arbeit des Abtragens. Damit die Falken möglichst früh wieder Atzung/Nahrung aufnehmen, arbeiten wir gerade in der Anfangsphase sehr intensiv mit ihnen. In dieser Frühphase lernen unsere unter der Haube stehenden Falken auf ein bestimmtes Signal hin, auf den Handschuh überzutreten, oder von der Faust auf den Block oder ähnliches. Die Sakerfalken lernen diesbezüglich deutlich schneller als unsere heimischen Wanderfalken. Nun stellt man sich die Frage, was möchte ich meinem Falken vermitteln, und wie erreiche ich das am besten aus der Sicht des Greifvogels? Durch den Einsatz einer wirklich perfekt sitzenden Falkenhaube kann ich das Zeitfenster von einer für den Falken positiven Erfahrung in die hoffentlich nächste positive Erfahrung  stressfrei überbrücken. Für den abzutragenden Greifvogel ist es immer von Vorteil, wenn man ein guter Tiertrainer ist. Aber wer kann das schon von sich behaupten?

Vielleicht an dieser Stelle noch ein paar Anmerkungen zur Haube. Wenn diese perfekt passt, dann wird mir der Falke diesen Umstand auch über seine Körpersprache klar und deutlich erkennbar signalisieren. Ohne Probleme zu bekommen, könnte ich so jeden Wildvogel oder jeden frisch aus der Zuchtkammer heraus gefangenen Falken stressfrei über weite Strecken im PKW transportieren. Sollte der Greifvogel aber eine Haube tragen, die zu eng sitzt, dann werden sich schon nach wenigen Stunden sogenannte Drucknekrosen bilden. Ein Sakerfalke erkennt sehr schnell den Zusammenhang zwischen der nicht passenden Haube und den entstehenden Schmerzen im Schnabelwinkelbereich. Hier sollte man also im Vorfeld auf den Rat eines erfahrenen Kollegen hören und nicht am falschen Ende sparen.

Die Araber verwenden für die ersten Tage häufig die sogenannten „Softhauben“. Diese sind aus sehr weichem Leder gearbeitet und für den Falken angenehm zu tragen. Der einzige Nachteil liegt in ihrer Instabilität. Ein Haubenhersteller aus Spanien hat sich diesbezüglich Gedanken gemacht und eine Hybridhaube entworfen, bei denen er die guten Eigenschaften von zwei Hauben in einer vereint hat. Im Augenbereich ist diese sehr formstabil und im Schnabelwinkelbereich aus sehr weichem Leder gearbeitet. Diese Haube könnte eine optimale Lösung darstellen.

Veröffentlicht von Ronjas Mensch

Falknerei ist kein Hobby, es ist Leidenschaft. - Ronja meint: "Falknerei ist die Kunst, einen Menschen an sich zu binden. " ;-)

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