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Der Mut des Falkners und der Mut des Falken

Nur wer Angst hat, kann auch mutig sein.
Diesen Satz hat mein Mensch mir gesagt, als es am Anfang unserer Beziehung darum ging, Vertrauen aufzubauen.
Ein Falke hält von Natur aus Abstand zu Menschen und deren Welt. Das ist der Instinkt des Wildtieres.
Die Reaktion auf eine Bedrohung, ganz gleich ob real oder nur als Befürchtung, ist beim Falken bevorzugt die Flucht oder, wenn es nicht anders geht, der Kampf.

Wenn ein Falke in seinem jungen Leben nur seine Falkeneltern kennengelernt hat, dann vertraut dieser Falke nicht automatisch einem Menschen, im Gegenteil.
Als mein Mensch mich bei meinem Züchter abgeholt und zu sich nach Hause genommen hat, begann sie sogleich damit, mir ihre Welt zu zeigen, damit ich alles kennenlerne und ihrer Welt stressfrei begegnen kann. Sie trug mich auf einem Falknerhandschuh spazieren, das Ganze nennt man „Abtragen“.
Als ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Fahrrad sah, das mitsamt einem fremden Menschen auf uns zufuhr, sprang ich vom Handschuh ab, mit dem Wunsch zu fliehen. Mein Mensch sah das allerdings voraus und lenkte mich mit einem Stückchen Fleisch ab, das ich verspeiste. Beim nächsten Fahrrad war ich bereits viel entspannter, weil ich gelernt hatte, dass mir nichts passiert. Meine Angst hatte sich in Mut verwandelt, denn dem dritten Fahrrad schaute ich sicher und stolz entgegen und zuckte nicht einmal mit der Wimper, als es an uns vorbeifuhr. Und so zeigte sie mir Autos, Motorräder, Traktoren, Kinderwagen und vieles mehr.

Auch meinen Instinkt, vom Menschen wegzufliegen, konnte ich schnell überwinden, weil ich mich bei meinem Menschen stets sicher und wohl fühlte. Wenn sie mir ein Stückchen Fleisch anbot, dann flog ich sogar gerne zu ihr hin.
An Flucht dachte ich tatsächlich schnell nicht mehr. Blieb noch das Thema Kampf.

Dieser Reflex war natürlich in mir, sobald mein Mensch in unserer Kennenlernphase versuchte, mich anzufassen. Sie erklärte mir, dass sie das üben müsse, nicht um mich ständig zu streicheln, das mögen wir Falken nicht, sondern um mich, falls nötig, auf Verletzungen oder Parasiten hin untersuchen zu können. Anfangs griff ich nach ihr und meine Krallen bohrten sich tief in ihre Hand. Auch biss ich in ihre Finger, was blutige Wunden hinterließ. Als Falkner sollte man nicht wehleidig sein. 😉
Sie ertrug meine Angriffe stoisch und hielt still, weil sie wusste, dass sich der Griff eines Falken noch mehr festigt, wenn man zappelt. Sie schimpfte nicht ein einziges Mal, reagierte nie unwirsch, sondern sagte höchstens mal „Aua“. Das tat sie, weil sie weiß, dass ein Falke Schimpfen nicht versteht, weil es das in seiner Natur nicht gibt. Niemand steht in der Hierarchie über ihm.
Ziemlich schnell ließ ich es dann sein, nach ihr zu greifen oder sie zu beißen. Sie konnte mich ungestraft und problemlos anfassen und untersuchen.
Wer hat nun mehr Mut gezeigt? Mein Mensch oder ich?

Mein Mensch sagt: „Wenn ich möchte, dass mein Falke mir vertraut, dann muss ich ihm auch vertrauen.“

Sie benötigt Mut, um mich frei fliegen zu lassen, denn sobald ich frei bin, hat sie keine Kontrolle mehr über mich. Wenn ich zu ihr zurückkomme, dann geschieht das stets freiwillig. Ich bekomme zwar ein Stück Fleisch zur Belohnung, aber das Stück Fleisch könnte mich nicht anlocken, wenn ich beschließen würde, wegzufliegen.

Beide Seiten, Falkner und Falke, brauchen Mut für das Zusammenleben und für die Zusammenarbeit. Jeder auf seine Art und Weise.



Faszination Falke

Für einen Falken ist Falknerei die Kunst, einen Menschen an sich zu binden. ;-)

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