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Wertvolle Lebenszeit

Da ich selbst nicht lesen kann, ist mein Mensch so freundlich, mir manchmal etwas vorzulesen. Einer unserer Lieblingsschriftsteller ist Seneca (Lucius Annaeus Seneca). Er lebte vor sehr langer Zeit und war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Naturforscher, Politiker und römischer Philosoph.
Seneca schrieb: „Eigentlich ist unser Leben lang genug, um die herrlichsten Dinge zu erreichen und in Frieden zu sterben, wenn der Tag kommt – über ein zu kurzes Leben jammern nur die, die ihre Zeit vergeudet haben. Und dann im Alter hektisch werden und ihrer verlorenen Jugend nacheifern.“

Ich wollte von meinem Menschen wissen, was „vergeuden“ bedeutet, denn dieser Begriff war mir völlig fremd. Falken leben im Hier und im Jetzt.
Wilde Falken in der Natur verbringen ihre Tage mit der Jagd zur Nahrungsbeschaffung. Wenn das vollbracht und der Kropf gefüllt ist, dann suchen sie sich ein sicheres Plätzchen, um sich zu sonnen, ihr Gefieder zu pflegen und um zu verdauen.
Falken in Menschenhand leben ähnlich, mit dem Unterschied, dass ich beim Flugtraining spielerisch jage, jedes Mal einen „Jagderfolg“ habe und somit meine Ernährung gesichert ist. Ich habe mehr Zeit, um mich zu sonnen, mein Gefieder zu pflegen, ein Bad zu nehmen und in die Gegend zu spähen.
Ich denke weder an gestern, noch an morgen, sondern ich lebe im Augenblick. Alles was ich tue, ergibt einen Sinn, macht Spaß oder ist notwendig.
Was also bedeutet dieses „vergeuden“?

Mein Mensch erklärte mir, vergeuden bedeutet, etwas leichtsinnig und verschwenderisch verbrauchen, beispielsweise Geld oder Kraft, aber auch Zeit.
Nach ihrer Erklärung verstand ich das Zitat von Seneca und bat meinen Menschen, mir mehr davon vorzulesen.

„Aber nein, wir haben keine zu geringe Zeitspanne, sondern wir vergeuden zu viel davon. Lang genug ist das Leben und reichlich bemessen auch für die allergrößten Unternehmungen – wenn es nur insgesamt gut angelegt würde. Doch sobald es in Verschwendung und Oberflächlichkeit zerrinnt, sobald es für keinen guten Zweck verwendet wird, dann spüren wir erst unter Druck der letzten Not: Das Leben, dessen Vergehen wir gar nicht merkten, ist vergangen. So ist es nun einmal: Wir haben kein zu kurzes Leben empfangen, sondern es zu kurz gemacht; keinen Mangel an Lebenszeit haben wir, sondern gehen verschwenderisch damit um.“ [Seneca]

Ich beteuerte noch einmal, nicht verschwenderisch mit meiner Lebenszeit umzugehen. Das scheint ein Menschenproblem zu sein.
Wenn ich etwas nicht anschauen will, dann drehe ich mich weg und schaue woanders hin.
Wenn ich etwas nicht hören will, dann höre ich nicht zu.
Und wenn ich etwas nicht machen will, dann mache ich es nicht.
Damit fühle ich mich frei, damit bin ich frei. Frei von Zwängen, in die ich mich nicht zwängen lasse.

Mein Mensch antwortete mir, dass Tiere in guter Haltung ein Luxusleben genießen können, dass aber Menschen oft Dinge tun müssen, die sie eigentlich gar nicht tun wollen, und damit oft das Gefühl haben, dass ihnen ihre Lebenszeit wie Sand durch die Finger rinnt. Dazu kommen Zeitdiebe, die einem wertvolle Lebenszeit klauen.

Ich erwiderte, dass man sich eben nicht beklauen lassen darf. Vielleicht haben die Menschen die Fähigkeit zur sinnvollen Einteilung ihrer inneren Ressourcen verlernt. Das und noch vieles mehr könnte der Mensch von den Falken lernen.









Faszination Falke

Für einen Falken ist Falknerei die Kunst, einen Menschen an sich zu binden. ;-)

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1 Kommentar

  1. Du lebst eben nach dem wundervollen, ebenfalls roemischen Motto „carpe diem“.
    Erfreuen wir uns beide an jedem Tag, den wir erleben!

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