Dirk Harders ~ 3 ~ Warum Falken?

Dirk, was kann man tun, wenn bei der Falkenzucht das Falkenweib den Terzel ablehnt?

In der freien Natur haben die Greifvögel die Möglichkeit, sich über einen entsprechenden „Sicherheitsabstand“ kennen zu lernen. Die Körpersprache besitzt hier eine hohe Signalfunktion. Bevor es also auf Tuchfühlung geht, ist in der freien Natur schon über die unterschiedlichen Signalfunktionen klar geworden, ob man sich sympathisch ist oder sich doch besser aus dem Weg gehen sollte. Reagiert der weibliche Vogel aggressiv auf das Werben des Terzels, so wird sich dieser in der Regel dem Zugriff entziehen können, weil er kleiner, schneller und wendiger ist.  In der Zuchtkammer fehlt diese Möglichkeit, die ihn in der Natur schützen würde. Hier erwischt sie ihn sehr schnell, und das kann bei einigen Greifvogelarten für den Terzel tödlich enden. In der Falkenzucht wird der weibliche Falke immer zum Terzel in die Kammer gestellt. Niemals umgekehrt. Damit der Terzel entsprechend „auftreten“ kann, sollte er vorher 4 bis 6 Wochen alleine in der Kammer verbracht haben. Nach dem Einsetzen muss das Verhalten von beiden Vögeln genau beobachtet werden, denn ein Kennenlernen erfolgt jetzt auf engstem Raum. Signale senden die Vögel über die Stellung ihrer Federn, Stimme, Mimik und Gestik, die man auch als Mensch gut verstehen kann. Mit etwas Glück ist sofort eine positive Grundstimmung zu erkennen. Auch wenn die Harmonie gut ist, bleibt der weibliche Vogel immer dominant in der Kammer. Sie bestimmt, wo die Sonne am wärmsten scheint und wird diesen Platz auch für sich beanspruchen.

„Jury“ und „Alenka“ , Zuchtpaar „C“

Von Vorteil kann es auch sein, wenn der Terzel schon 1 bis 2 Jahre älter ist. Bei unseren Zuchtpaaren „B“ und „C“ sind die weiblichen Falken als Sozialimprints aufgezogen und später mit einer Altvogelaufzucht verpaart worden.

Das Foto oben zeigt, wie die Reizreaktionsmechanismen funktionieren. Im Alter von 58 Tagen haben wir „Alenka“ zu „Jury“ in die Kammer gestellt. Als der Falke zu lahnen beginnt, wird sie umgehend vom Terzel mit Atzung versorgt. 2 Jahre später hat dieses Paar erstmals Nachwuchs.

Machbar ist also einiges und manchmal braucht man nur ein bisschen Glück.


Dirk, seit wie vielen Jahren züchtest du Falken und warum gerade diese Art?

Großfalken züchte ich seit 20 Jahren. Am Anfang waren es Wander- und Sakerfalken, und später nur noch Sakerfalken aus verschiedenen Blutlinien. Als Jugendlicher hatte ich viele Bücher über Russland gelesen, und da stolpert man zwangsläufig über den Baloban/Saker. Mitte der 1970er Jahre war es in Deutschland fast unmöglich einen Wanderfalken in freier Natur zu beobachten, weil sie vom Aussterben bedroht waren. Aus der Literatur wusste ich nur, wie er aussehen sollte. Etwa krähengroß und ein ankerförmiges Flugprofil. 1978 hatte ich meine Lehre als Maurer begonnen und 1980 hatten wir eine Baustelle zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Auf dem Baugerüst stehend drehte ich mich um und schaute in Niederung.
Ich dachte mich trifft der Schlag!
Das musste er sein.
Der legendäre Wanderfalke.
Ein weiblicher Vogel, der im gemächlichen Streckenflug die gesamte Niederung durchquerte. Das war für mich ein Anblick, den ich mein ganzes Leben nicht vergessen habe. Im Sommer 1999 wurden von Martin Jones aus England verschiedene Großfalkenarten, wie Wander- und Sakerfalken, als Nachzuchten in der deutschen Jadgpresse/Pirsch/Tiermarkt angeboten. Von beiden Arten habe ich je ein blutsfremdes Paar bestellt. Das Thema Greifvogelzucht war absolutes Neuland für mich und so habe ich mit „Null“ Fachwissen angefangen. Um möglichst schnell und viel zu lernen, habe ich beide Zuchtkammern mit Spiongläsern versehen, sodass es praktisch keine toten Winkel gab. Bei den Wanderfalken war aus meiner Sicht auch im 3. Jahr nicht zu erkennen, dass es jemals klappen würde. Aus diesem Grund hatte ich das Paar im Spätsommer 2002 zum Kauf angeboten. Für Wanderfalken im zuchtfähigen Alter, noch dazu aus dieser bekannten Linie, gab es genug Interessenten, jedoch bezog sich das Interesse nur auf den weiblichen Falken. Den Terzel wollte niemand haben.

Ronny Thiele hatte diesbezüglich ganz eigene Erfahrungen gemacht, und er empfahl mir daher, lieber doch noch eine weitere Saison zu warten. Eines seiner Zuchtpaare zeigte nämlich auch im 3. Jahr keinerlei Anzeichen für eine gemeinsame Balz. Also hatte er sich dazu entschlossen, das Paar für „kleines Geld“ an einen Freund aus dem Nachbarort abzugeben. Im nächsten Jahr zog eben dieses Paar dort eigenen Nachwuchs groß. Ronnys Tipp sollte sich tatsächlich als richtig erweisen, denn im 4. Jahr lief alles wie am Schnürchen. Aus dem Vierergelege erhielten wir 3 weibliche Wanderfalken, von denen sich Ronny gleich zwei reserviert hatte. Ohne seinen Tipp hätte ich mir wohl richtig in den Arsch gebissen, denn produzierende Paare aus dieser bekannten Zuchtlinie waren zu dem Zeitpunkt selten in Deutschland.

„Joey“, ein Imprint Terzel aus dieser Linie

16 Jahre später hat sich die Situation auf dem Greifvogelmarkt schon deutlich verändert. Für die Zuchtsaison 2018 hatte ich allerdings noch feste Vorbestellungen und reichlich Anfragen. Von unseren 3 Zuchtpaaren hatten wir aus den Erst- und Nachgelegen insgesamt 28 Eier erhalten. Die Befruchtungsrate war nicht gut, und von den befruchteten Eiern sind einige im Alter von 26-28 Tagen ohne ersichtlichen Grund in der Brutmaschine abgestorben. Alle Kunden und Kaufinteressenten habe ich zeitnah informiert, so dass sie sich neu orientieren konnten. Drei Personen wollten allerdings weiter warten. Von unserem Zuchtpaar „A“ hatten wir 5 Eier im Erstgelege von denen 3 befruchtet waren, die aber eines nach dem anderen abgestorben sind. Alle 5 Eier aus dem Zweitgelege waren komplett unbefruchtet. Von Paar „B“ und „C“ haben wir insgesamt 7 Jungvögel bekommen.
Von den 3 verbliebenen Kunden haben dann zwei unabhängig voneinander jeweils einen Tag bevor sie ihre bestellten Falken abholen sollten, abgesagt! Als Erklärung gaben beide an, dass sie aus verschiedenen Gründen plötzlich doch kein Geld zur Verfügung hätten, um die Falken zu bezahlen.
Wenn aus meiner Zucht Fullimprints, Sozialimprints oder Altvogelaufzuchten bestellt werden, dann möchte ich jeden meiner Kunden zufrieden stellen. Meine Frau und meine Tochter helfen mir im Rahmen ihrer Möglichkeiten, dennoch bleibt ein Großteil der Arbeit an mir hängen. Als dann diese beiden Absagen eintrafen, habe ich für mich beschlossen, dass es jetzt auch reicht. Natürlich ist das eine sehr emotionale Entscheidung gewesen, aber heute, 2 Jahre später, ist mir klar geworden, dass dieser Entschluss richtig war, denn die Gesamtsituation auf dem Greifvogelmarkt hat sich speziell für den Sakerfalken nochmals verschlechtert.
Ein paar Jahre zuvor hatte ein befreundeter Kollege aus Österreich sein dreijähriges produzierendes Sakerfalkenzuchtpaar für 2.000 Euro zum Kauf angeboten. Letztendlich wechselte dieses junge Zuchtpaar aus einer guten Linie für 500 Euro den Besitzer. Sakrete wurden schon für 100 Euro pro Stück gehandelt und auch verkauft. Einige Züchter haben für ihre Saker vom Vorjahr noch keine Käufer gefunden, und die Zuchtpaare ziehen schon die nächsten Sakerfalken groß.

Fachliteratur über diese Großfalkenart gibt es eigentlich nur von Herrn Wolfgang Baumgart in den verschiedenen überarbeiteten Auflagen. Dort werden auch die möglichen Farbvarianten des Sakerfalken beschrieben, die es in den Anfängen der Zucht so auch zu kaufen gab. Heute gibt es diese normal gefärbten Saker auch noch, doch es setzten sich zunehmend goldene, blonde oder schwarze Saker durch, die von Herrn Baumgart so weder erwähnt noch beschrieben worden sind.
Sie sind das Endprodukt rein kommerzieller Falkenzucht. Man gewinnt zunehmend den Eindruck, dass es in der Zucht von bestimmten Arten schon lange nicht mehr um den Greifvogel geht, sondern nur noch darum, unsinnige Käuferwünsche zu erfüllen.

Veröffentlicht von Ronjas Mensch

Falknerei ist kein Hobby, es ist Leidenschaft. - Ronja meint: "Falknerei ist die Kunst, einen Menschen an sich zu binden. " ;-)

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