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22 Stunden ohne Zuhause

An einem milden sonnigen Nachmittag holte mein Mensch mich zum Flugtraining ab. Ich signalisierte ihr, dass ich keine große Lust hatte, aber sie war der Meinung, dass Bewegung gesund für mich sei. Es wurde also Zeit, ihr eine kleine Lektion zu erteilen. Immerhin möchte ich stets für mich selbst entscheiden dürfen.
Sie stellte mich auf die Waage, verhaubte mich und lief mit mir in unser Trainingsrevier. Dort angekommen, nahm sie mir die Haube ab und ich sollte fliegen und die Beuteattrappe jagen. Das tat ich auch. Nach meinem Freiflug-Training haben wir die Routine, dass mein Mensch sich ein Stück entfernt und ich dann zu ihr fliege. Das war ein guter Zeitpunkt für meinen Plan, ihr zu zeigen, wer hier der Chef ist. 😉
Ich flog in ihre Richtung, aber anstatt, wie sonst immer, auf ihrem Handschuh zu landen, bog ich kurz vorher ab und flog weg. Sie schaute mir ratlos hinterher.

Ich stellte mich auf einen nahe gelegenen Baum und schaute auf meinen Menschen herab.
Sie blieb ruhig und versuchte, mich zu sich zu locken. Ich blieb stur. Die Aussicht von dort oben war fantastisch, ich konnte in alle Richtungen weit blicken.
Die Zeit schritt voran, es begann irgendwann zu dämmern. Ich fühlte mich wohl auf meinem Baum. Dort wollte ich die Nacht zu verbringen. Als mein Mensch das verstanden hatte, wünschte sie mir eine „Gute Nacht“ und lief nach Hause. Sie hatte meinen Standort auf ihrem Mobiltelefon im Blick, denn ich trug einen Sender.

Sender: Marshall GPS / App: AeroVision

In der Nacht schlief ich nicht besonders gut, denn ich hörte zu meiner Bestürzung zwei Uhus rufen, die ganz in meiner Nähe sein mussten. Ihr Sehvermögen ist bei Dunkelheit meinem überlegen, und ich wäre ein willkommener Snack für die beiden. Der Uhu ist einer meiner wenigen natürlichen Feinde in der Natur.

Früh am nächsten Tag kam mein Mensch zu mir. Sie hatte Frühstück für mich dabei und versuchte, mich damit zu sich zu locken. Mein Hunger war nicht besonders groß, außerdem hatte ich mein Gewölle noch nicht geworfen. Aus diesem Grund beschloss ich, erst einmal eine Runde im Revier zu drehen und flog davon.
Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Der Akku meines Senders war inzwischen leer. Mein Mensch konnte meinen Standort nicht mehr auf ihrem Handy sehen. Das kommt davon, wenn man nach fünf Jahren Benutzung noch keinen neuen Akku gekauft hat.

Trotz perfektem Flugwetter beschloss ich, in meinem Trainingsrevier zu bleiben. Hier kenne ich mich aus, hier lebe und fliege ich seit über zwei Jahren. Mein Mensch verlor mich aus den Augen und da ich durch mein Gefieder gut getarnt bin, konnte sie mich nicht entdecken, wenn ich in ihrer Nähe auf einem Baum saß. Ich hatte sie aber immer im Blick. Mein Mensch lief das gesamte Revier ab, immer auf der Suche nach mir. Wenn ich Mitleid empfinden könnte, dann hätte sie mir fast leid tun können, denn sie wirkte traurig und verzweifelt. Aber so saß ich gemütlich im Halbschatten und widmete mich meiner Gefiederpflege. Zumindest solange bis eine kleine Gruppe von Krähen auftauchte und mich piesackte. Auf einen Kampf wollte ich mich nicht einlassen, denn fünf gegen einen war unfair, also flog ich zu einem anderen Platz im Revier. Durch diese Flucht verlor ich meinen Menschen aus den Augen, aber darüber machte ich mir keine Gedanken.
Mein Mensch machte mittags daheim eine kurze Pause, stärkte sich mit ein paar Schluck Wasser und las die Sichtungsmeldungen, die sie auf ihr Mobiltelefon bekam. Viele Menschen hielten rund um Nürtingen die Augen offen und fotografierten helle Mäusebussarde, weil sie dachten, das könnte ich sein.

Die pöbelnden Krähen verfolgten mich und hatten es sich zum Ziel gesetzt, mich komplett zu vertreiben. Das nervte ziemlich.
Plötzlich sah ich eine junge Frau, die mit einem toten Eintagsküken winkte und die sogar ein Federspiel schwang. Nicht so eins wie das, mit dem ich trainiere, aber unverkennbar ein Federspiel. Aber ich sah keinen dazugehörigen Falken. Wollte sie etwa mich zu sich locken?

Ich schaute mich im Revier um. Bisher kamen wir immer nur hierher, um zu trainieren, damit ich frei fliegen und meine Beuteattrappe jagen konnte. Jetzt saß ich zum ersten Mal alleine hier, musste bösartige Krähen abwehren, mir aus diesem Grund ständig einen neuen Platz suchen und als ich wahrnahm, dass überall entweder Gewächshäuser stehen oder halbhoher Raps und hinten der Wald, dann fragte ich mich, wie die Turmfalken satt werden, die hier leben. Und wovon ernähren sich die Mäusebussarde und die Rotmilane?

Wenn mein Mensch bei mir ist, dann passt sie auf mich auf, und sie hat mich die letzten Jahre zuverlässig ernährt. Bei ihr hatte ich keinen Stress.
Hier in der Natur, auf mich alleine gestellt, mit den Krähen im Nacken und den nächtlichen Uhu-Rufen, da fühlte ich mich auf einmal gestresst.
Mittlerweile ist zu der einen jungen Falknerin noch eine zweite dazu gekommen. Ich sah, wie sie sich beratschlagen. Wahrscheinlich überlegten sie eine Strategie, mich zu sich zu locken. Die eine band das tote Eintagsküken auf ihr Federspiel, legte es auf den Boden und zog es hinter sich her. Das schien mir als kleine Stärkung sehr verlockend zu sein. Ich verließ meinen Baum, drehte eine Runde, ging tiefer und landete auf dem Federspiel, um das Küken zu verspeisen. Sogleich griff die Falknerin nach meinen Geschühriemen. Schnell kam die zweite Falknerin dazu und nahm mich auf ihren Falknerhandschuh.
Und schon hörte ich die Stimme meines Menschen und sah, wie sie auf uns zugelaufen kam. Sie sah ziemlich fertig aus, verheult und verschwitzt, und doch irgendwie überglücklich und erleichtert. Sie nahm mich dann gleich auf ihren Handschuh und gab mir weitere tote Eintagsküken zum Essen. Sogleich fiel der Stress von mir ab. Ich war wieder zuhause.

Anmerkung meines Menschen:
Vielen lieben Dank an alle, die mitgesucht und mitgefiebert haben!
Dankeschön an die Nürtinger Zeitung, die die Suchmeldung sofort online gestellt hat, damit viele Nürtinger die Augen offen halten konnten. Danke an alle, die sich mit Sichtungsfotos gemeldet haben.
Und tausend Dank an die Falknerinnen Martina und Sandra, die schlau und beherzt gehandelt haben und Smilla sichern konnten. Ihr seid der Hammer!









Faszination Falke

Für einen Falken ist Falknerei die Kunst, einen Menschen an sich zu binden. ;-)

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2 Kommentare

  1. Gabriele Steppuhn teppuhn@web.de sagt:

    Liebe Smilla, zum Glück hat dein nächtlicher Ausflug ein gutes Ende genommen !! Wünsche euch allen Frohe Ostern. Gabi

    1. Vielen Dank, Gabi. Ein schönes Osterfest auch für dich und deine Familie.

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