Als Anfänger in Sachen Falknerei orientiert man sich daran, was man an Informationen im Falknerkurs vermittelt bekommen oder irgendwo gelesen hat.
Mit der Zeit kommt dann die Praxis, mit dem berühmten Unterschied zur Theorie.
Nicht nur unter Falknern, sondern auch in der Öffentlichkeit gibt es viel Unwissen und Missverständnisse, die insbesondere von manchen Tierschutzorganisationen verbreitet werden.
Manche tun sich da unrühmlich hervor und kolportieren auf ihren Websites völlig unrealistische Horrorstories zur falknerischen Vogelhaltung, wohl in der Hoffnung, damit ein Maximum an Spenden zu generieren.
Immer wieder hört man die These, wir würden unsere Tiere hungern lassen, um sie (zur Rückkehr zum Falkner) zu motivieren.
Mit dem Appell (so nennt man die Reaktion des Vogels, wenn er vom Falkner zurückgerufen wird) und dem Gewicht (aus dem man ableiten kann, wie hungrig der Vogel ist) ist es so eine Sache. Und Feinheiten wie „satt“, „Appetit“ und „Hunger“ sollte man schon unterscheiden können.

Meinen Uhu Leon habe ich im ersten Jahr mit ca. 1620 g geflogen (ging oft gerade so), Toshi mit gut über 1900 g. Zwischenzeitlich flog Leon noch mit 1860 g, Toshi ist über 1720 g nicht mehr sehr kooperativ.
Tatsächlich wiege ich heute Leon nicht mehr, bevor ich ihn frei lasse – ich merke an seinem Verhalten, wie er gerade drauf ist.
Der Appell hat viel mehr mit Vertrauen, Gewöhnung, Gemütslage und natürlich Witterung und Hormonspiegel des Vogels zu tun als mit irgendwelchen abstrakten Gewichten.
Das Thema ist also zu komplex für einfache Antworten und es hängt sehr von der Erfahrung des Falkners ab, ob er seinen Vogel frei fliegen lässt (und der dann zeitnah zu ihm zurückkehrt) oder nicht.
Oft ist mir sogar lieber, mein Uhu hat keinen Kohldampf. Sonst können nämlich leicht Geschichten wie die folgende passieren:
Ich gehe mit Leon auf unserer gewohnten Runde spazieren, sie führt an einer großen Wiese entlang. Am anderen Ende steht am Waldrand ein Jägerstand – Leon kennt alle Jägerstände der Umgebung und liebt sie! Man sitzt da ganz prima, ist von oben geschützt und hat die beste Aussicht nach allen Seiten. Ich zeige mit dem Arm in die entsprechende Richtung und sage „flieg“. Leon hat schon drauf gewartet und legt sofort los.
Nebenbei ist schon das bemerkenswert – die Geschichte habe ich mal einer Erzieherin erzählt, die das sehr erstaunlich fand. Sie erklärte mir, dass ein kleiner Mensch erst im Alter von etwa 4 Jahren die Fähigkeit besitzt, das Zeigen mit dem ausgestreckten Arm zu einem bestimmten Gegenstand oder Punkt zu abstrahieren.
Aber zurück zu Leon: Es ist jedes Mal wieder faszinierend und ein herrlicher Anblick, einem Uhu beim Fliegen zuzusehen! Ein kräftiger Absprung, zwei, drei starke Flügelschläge, um Speed zu gewinnen, dann ein weiter, müheloser Gleitflug knapp über dem Boden. Als krönender Abschluss dann die Bremsung, der Schwung wird in eine Aufwärtsbewegung umgesetzt, die ihren Nullpunkt präzise auf der Gewehrauflage des Jägerstands findet. Spektakulär!
Diesmal nicht. 🙁
Mitten im Gleitflug ein abrupter Haken (wie schafft er das, so schnell zu bremsen?), der übergangslos in einen Sturzflug mündet. Irgendetwas muss wohl auf der Wiese gewesen sein, da drauf sitzt er jetzt und schaut vorsichtshalber rechts und links in die Runde, ob ihm jemand seinen Fang streitig machen könnte. Ich gehe vorsichtig hin, aber Leon ist der Ansicht, dass „Irgendetwas“ mich nichts angeht und ich meine eigene Beute schlagen soll. Er hat nicht vor, mit mir zu teilen. Er mantelt, das heißt, er dreht mir den Rücken zu und schirmt seine Beute mit ausgebreiteten Flügeln wie mit einem Mantel vor mir ab.
Weil ich neben ihm stehen bleibe, zieht er nach einigem Gemecker mitsamt seinem Fang ab auf einen nahen Baum. Hier wird jetzt erst einmal genüsslich und in aller Ruhe die wohlverdiente Mahlzeit verspeist und verdaut.


Schöner kann man es kaum haben, sein Baum steht an einer Hangkante, 30 m unter ihm ein Tal mit großer, blühender Sommerwiese, durch die sich ein kleiner Bach schlängelt. Ich kann mich also getrost auf eine längere Wartezeit gefasst machen.
Schnell laufe ich zurück zu unserem Haus, glücklicherweise sind wir nur ein paar hundert Meter weit gekommen. Dort packe ich mir einen Klappstuhl ein und sage meiner Frau Bescheid, wo wir sind und dass es dauern könnte.
Dann zurück zu Leon, der sich keinen Millimeter bewegt hat. Mittlerweile hat sich seine Anwesenheit bei den Vögeln in der Nachbarschaft herumgesprochen, eine bunte Mischung sichtlich empörter Federtiere schimpft knapp außerhalb seiner Reichweite laut vor sich hin.
Irgendwo habe ich mal gelesen, dass es beruhigend ist, einen Uhu zu betrachten. Die Vogelwelt der Nachbarschaft scheint die einschlägige Literatur nicht zu kennen. Leon jedoch lässt dies völlig unberührt. Wie ein dicker Buddha ruht er sowohl auf seinem Ast als auch in sich selbst. Eine runde Uhukugel: satt, zufrieden, erfolgreich.
Da mir nichts anderes übrig bleibt, ergreife ich die Gelegenheit, mich in philosophischen Betrachtungen zu üben. Die Einstellung unterscheidet einen guten von einem schlechten Falkner, denke ich mir. Warum sollte man sich über etwas ärgern, wenn man sich genauso gut darüber freuen kann? Ich könnte jetzt wie ein wildgewordener Derwisch über die Wiese hüpfen und mit einem Stück Futter wedeln, bis mir der Arm lahm wird – Leon wäre es egal.

Oder ich könnte mir in aller Ruhe einen wunderbaren oberbayerischen Sonnenuntergang gönnen, und das in Begleitung eines der Könige des Waldes! Ich denke, die Wahl fällt leicht, der Abend ist gerettet!
Leon ist besendert. Ich weiß, dass er nie besonders weit fliegt. Also alles unter Kontrolle, kein Grund sich Sorgen zu machen.
Als Peilempfänger verwende ich nicht eines der üblichen Geräte vom Senderhersteller, sondern ein Mini-Handfunkgerät mit Empfang über fast das ganze Frequenzspektrum.
Das hat den Riesenvorteil, dass ich nicht nur den Vogel orten, sondern zusätzlich z.B. Radio hören oder mit meiner Frau zu Hause kommunizieren kann.
Und genau das tue ich jetzt. Ich ordere beim Falknerei-Servicepersonal warme Klamotten für den Abend, eine Brotzeit und ein Getränk. Keine halbe Stunde später erscheint meine Frau mit Leberkäsesemmeln, einer Flasche der lokalen Brauspezialität und für die Nacht was Warmes zum Anziehen. Sogar an die kleine Sprühflasche mit Autan hat sie gedacht.
So komme ich also in den Genuss, den Abend und einen guten Teil der Nacht an der frischen Luft und in herrlicher Natur zu verbringen. Ab und zu vergewissern wir uns wechselseitig mit einem fragenden „Huuu?“ ob noch alles in Ordnung ist.
Erst als es (für mich) schon stockdunkel ist, kommt Leon zu der Ansicht, dass es sich in der Voliere sicherer und entspannter pennen lässt und nimmt schlussendlich das Handschuhtaxi Richtung Heimat.

PS: Die „alten Hasen“ unter Euch werden es schon vermutet haben – an einer entscheidenden Stelle ist die Geschichte heftig geflunkert.
Natürlich habe ich mich zum Affen gemacht und bin ein Futterstück schwenkend, wild über die Wiese hin und her gelaufen.
Aber außer ein paar empörten Kleinvögeln waren nur Leon und ich dort, und er hat mir hoch und heilig versprochen, er sagt es nicht weiter.



Den Abend mit so einem Gesellen in freier Natur zu verbringen, mit einer liebevoll gemachten Brotzeit, das hat schon was. 🙂