Gastbeitrag von Christopher Many (deutsche Version)


Die Philosophie des Hundes
„Ich bin, was ich bin, und das ist alles, was ich bin“

Uschguli, Oberswanetien, Georgien – Oktober 2013

Über Bären müssen wir uns nicht allzu viele Gedanken machen. Sie sind recht selten, selbst hier, inmitten der majestätischen Gipfel des Kaukasusgebirges. Meine Partnerin Laura und ich fahren derzeit mit zwei Motorrädern um die Welt und übernachten meist wild im Zelt. Wie jeder, der viel Zeit in der freien Natur verbringt, bestätigen kann – vor allem auf abenteuerlichen Reisen nach Kanada, Sibirien und Teilen Afrikas – ist das Leben in der Wildnis ein beständiger Kampf. Um zu überleben, muss man Trinkwasser, Unterschlupf und Wärme finden und sich – zumindest in einigen Ländern – hungrige Raubtiere vom Leib halten.

Sollten sich doch einmal, entgegen aller Erwartung, unerwünschte Wildtiere oder Menschen unserem Zelt nähern, so verfügen wir über ein mächtiges Mittel zur Selbstverteidigung: nächtliche Wächter in Form von riesigen kaukasischen Hirtenhunden, die einst für die Jagd auf Braunbären gezüchtet wurden. Seit unserer Ankunft in Georgien ist kein Abend vergangen, ohne dass ein Hund seine Nase durch unseren Zelteingang gesteckt hätte. Einige sind obdachlos: von ihren Besitzern ausgesetzt und sich selbst überlassen. Andere sind vielleicht als Hütehunde beschäftigt, fanden aber unsere abendlichen Grillpartys verlockender als die Bewachung einer langweiligen Schafherde.

Am Anfang waren wir wegen ihrer schieren Größe ein wenig vorsichtig. Jetzt nicht mehr. Wenn wir in unseren Schlafsäcken liegen, freuen wir uns schon auf vierbeinige Besucher.

„Chris, hast du das gehört“, flüstert Laura. „Draußen raschelt was! Komm her, Bello, bei uns gibt’s Chatschapuri.“


Ein paar Sekunden später ist unser „Heim“ rappelvoll: Laura links, ich rechts und zwischen uns ein schwanzwedelndes Fellknäuel von 90 kg Gewicht. Wir teilen die Teigtaschen gerecht unter uns auf. Natürlich darf Bello im Zelt schlafen, inklusive Flöhe.

Der Morgen dämmert, unser Hund streckt sich und geht dann mit einem Schwanzwedeln zum Abschied aus dem Zelt hinaus. Das war nur eine Affäre für eine Nacht. Er hat seinen Job gemacht, und wir haben ihn dafür belohnt. Morgen, gleich wo, werden wir sicher wieder ein anderes „Hündchen“ als Beschützer finden.

…..

Den obigen Eintrag in mein Reisetagebuch schrieb ich vor acht Jahren. Heute sind Laura und ich immer noch vagabundierend unterwegs, wenn auch nicht mehr mit dem Motorrad. Wir halten uns beide an die Philosophie von Diogenes von Sinope, auch bekannt als der „Philosoph im Fass“, der vor mehr als 2.400 Jahren am Schwarzen Meer geboren wurde. Auf die Frage, wo er herkommt, antwortete Diogenes stets: „Ich bin ein Bürger der Welt.“

Mein Philosophen-Freund Diogenes und ich haben noch etwas anderes gemeinsam: Wir haben beide eine Leidenschaft für Tiere, insbesondere für Hunde. Er hat einmal gesagt:

 „Menschen führen ein künstliches und scheinheiliges Leben. Es wäre gut für sie, vom Hund zu lernen. Hunde leben ohne Angst rein in der Gegenwart und haben nichts für die Anmaßungen der abstrakten Philosophie übrig. Zu diesen Tugenden kommt hinzu, dass Hunde Freund und Feind instinktiv unterscheiden können. Anders als Menschen, die sich gegenseitig betrügen, bellen Hunde die Wahrheit ehrlich heraus.“

Ich meine auch, der Welt ginge es besser, wenn wir alle so wären wie unsere vierbeinigen Freunde, wenn wir mit Stöckchen spielten statt mit Waffen, und unsere Freundschaften mit einem „Wuff“ und einem Schnuppern am Hinterteil besiegelten.


Als Elke und Ronja mich baten, einen Artikel darüber zu schreiben, was ich von den Tieren, denen ich während meines Nomadenlebens begegnet bin, gelernt habe, war „Ehrlichkeit“ das erste Wort, das mir in den Sinn kam. Die kaukasischen Hirtenhunde, die in meiner Geschichte erwähnt werden, sind ein gutes Beispiel. Sie waren völlig frei von Verstellung und verhielten sich gemäß ihren Bedürfnissen. Nicht ein einziges Mal hat ein Hund versucht, etwas anderes zu sein als das, was er ist: ein wedelndes Fellknäuel auf der Suche nach Teigtaschen und Zuneigung (in dieser Reihenfolge).

2018 tauschten Laura und ich unsere Motorräder gegen einen alten, ausgemusterten Post-LKW. Unser knallgelbes Zuhause bietet mehr Komfort als ein Zelt: Es ist mit einer Küche, einem Schlafzimmer, einer heißen Dusche und ähnlichem Luxus ausgestattet. Wir haben auch einen „Tierschrank“, in dem wir Hunde- und Katzenfutter, Spielzeuge, Näpfe, Leinen und einen Sanitätskoffer für verletzte Tiere aufbewahren, der doppelt so groß ist wie unser eigener Verbandskasten. Er enthält alles, von einer Projektil-Zange für Schussverletzungen bis zu den Pfotenschuhen. Dieser Schrank ist nicht für unser eigenes Haustier gedacht – wir haben keinen pelzigen Daueruntermieter – sondern für streunende Tiere, denen wir auf unseren Reisen begegnen. Wenn wir einen verletzten Hund oder eine verletzte Katze finden, nehmen wir sie immer in Pflege, bis sie geheilt sind, und wir ein dauerhaftes Zuhause für sie finden können. Die ausgesetzten Tiere, die wir „einsammeln“, haben jedoch oft noch nie ein Haus oder einen Camper von innen gesehen, und das kann, zumindest am Anfang, ein ziemliches Chaos verursachen. Kein Kopfkissen, kein Schuh und keine Tischecke sind vor ihnen sicher. Und doch kann ich unseren Untermietern nicht wirklich böse sein. Die Verwüstung, die sie anrichten, ist nie böswillig. Jedes Mal, wenn ich versucht bin, einen unserer Streuner dafür zu tadeln, dass er meine Socken gefressen hat, scheinen seine großen braunen unschuldigen Augen mir sagen zu wollen:

„Hey, was hast du denn erwartet? Ich bin ein Hund. Ich bin, was ich bin, und das ist alles, was ich bin!“

Das ist eine ehrliche Antwort. Tiere wissen genau, was sie sind und was sie wollen. Sie haben keine Identitätsprobleme. Ein Hund verhält sich wie ein Hund, und ein Falke verhält sich wie ein Falke. Viele Menschen hingegen sind verwirrt über ihre Identität und ihren Platz in der Gesellschaft. Manche kämpfen mit der Definition des „Selbst“ und können nicht sagen, was sie vom Leben wollen.

Tatsächlich ist es dieser Kampf, der manchmal sesshafte Individuen in wandernde Nomaden wie uns verwandelt. Das Ziel vieler Langzeitreisender ist es, aus den Normen und Erwartungen von Familie, Freunden und Gesellschaft auszubrechen und sich stattdessen auf eine „Reise der Selbstentdeckung“ zu begeben. Genervt von Routine und einem vorhersagbaren Leben lassen sie buchstäblich alles stehen und liegen – kündigen ihre Jobs und verkaufen ihre Häuser – um mit dem Rucksack um die Welt zu ziehen. Viele möchten ihre alte Identität ablegen, um eine neue, und vielleicht interessantere Lebensgeschichte zu erzählen. Sie wollen sozusagen „von der Leine gelassen“ werden.


Natürlich gibt es noch viele weitere Möglichkeiten, um sich neu zu erfinden. Einige Männer in meinem Alter – ein bisschen über 50 – versuchen ihre Routine aufzumischen, indem sie sich einen schnellen Sportwagen zulegen oder ein abenteuerliches Hobby aufnehmen. Manche haben vielleicht sogar eine Affäre mit jemandem, der halb so alt ist wie sie und beschließen, nach Bora Bora zu ziehen. Fast jeder Mensch erlebt Momente, in denen er seine Identität in Frage stellt. Er bemerkt, wie viele seiner Träume unerfüllt bleiben und stellt sich die Frage: Wie kann ich zu meinem wahren Selbst werden und selbstbestimmter leben?

Aber hier stoßen wir auf das erste philosophische Problem. Wenn unser „wahres Selbst“ nichts anderes ist als die Geschichte, die wir über uns erzählen, sowie von unseren Handlungen abhängt … was sind wir, sobald diese Handlungen beendet sind? Bin ich nicht mehr ich, wenn ich aufhöre zu reisen? Verlieren wir unsere Identität, wenn der Sportwagen kaputt geht, oder das Leben auf Bora Bora nicht nach Plan verläuft?

Der ehrliche Hund, der nichts für die Anmaßungen der abstrakten Philosophie übrig hat, ist viel weiser als wir. Für ihn geht es nur um Teigtaschen. Tiere leben in der Gegenwart und akzeptieren sie, ohne Angst, wie schon Diogenes sagte. Wenn Teigtaschen nicht aufzutreiben sind, reichen meine stinkenden Socken aus. Die Tiere haben mich gelehrt, dass „ich bin, was ich bin, und das ist alles, was ich bin“, unabhängig von meinen Handlungen ist. Das Geheimnis der Hunde für ein absolut ehrliches Leben besteht darin, zu verstehen, dass jeder bereits wahrhaftig und einzigartig ist, unabhängig von seiner Hintergrundgeschichte, der Meinung anderer oder einem Sportwagen.

Die Tatsache, dass ich seit 24 Jahren um die Welt reise, ist demnach für meine eigene „Selbstfindung“ völlig nebensächlich. Overlanding und Fernreisen definieren mich nicht. Ich werde mich nicht plötzlich „selbst verlieren“, wenn meine Reisetage enden. Das Reisen hat mein Verständnis davon, wer ich bin, nicht verändert, es hat mir lediglich zusätzliche Fähigkeiten vermittelt. Ich habe neue Tricks gelernt (das menschliche Äquivalent zu Pfötchen geben), ich zeige mehr Wertschätzung für die kleinen Dinge im Leben („Schau! Ein Stock! Mein Lieblingsding!“), ich bin geduldiger geworden („Bleib, Junge, bleib“), und ich weiß jetzt, wie ich mich entspannen und das Leben einfach laufen lassen kann („Schlafen, meine Lieblingsbeschäftigung“). Ich habe auch gelernt, wie wichtig Spielzeit und gutes Essen sind.

Apropos Essen: Hast du schon einmal beobachtet, welche Freude ein Hund zeigt, wenn es Zeit zum Essen ist? Sobald sie das leiseste Rascheln eines Futtersacks aus 100 Metern Entfernung hören, stürmen sie auf dich zu, als hätten sie noch nie etwas gegessen. Oder das kindliche Staunen, das Hunde empfinden, wenn sie einen Stock entdecken? Für sie ist jeder neu gefundene Stock der allerbeste im Universum, egal wie viele abgebrochene Äste sie schon gesehen haben. Und wenn du nach Hause kommst – egal, ob du eine Woche lang weg warst oder nur den Müll rausgebracht hast – wirst du jedes Mal mit Begeisterung, Aufregung und fröhlichem Helikopter-Wackeln begrüßt. Der Grund dafür ist offensichtlich: Hunde beschäftigen sich nicht allzu sehr mit vergangenen Ereignissen. Das Leben spielt sich in der Gegenwart ab, und wenn du diese Fähigkeit beherrschst, wird eine alltägliche Welt plötzlich magisch!

Zwar wollen wir uns alle ein Leben aufbauen, das subjektiv am besten zu uns passt, aber was WIRKLICH zählt, ist, dass du unabhängig von deinem Lebensstil – ob du reist oder sesshaft bist – jeden Morgen aufwachst, der Gegenwart in die Augen siehst und sagen kannst: „Ah, ein weiterer herrlicher Tag! Die Sonne geht auf, und ich kann es kaum erwarten, zu sehen, welche Überraschungen mich erwarten!“

Genau wie unsere geliebten vierbeinigen Freunde – schließlich sind sie die besten Lehrer.



Bücher von Christopher Many

Christopher Manys Horizonte-Serie begann mit seinem Debüt „Hinter dem Horizont links – Acht Jahre mit dem Land Rover um die Welt“, das 2011 im Verlag Delius Klasing erschien. Die englische Ausgabe mit dem Titel „Left Beyond the Horizon – A Land Rover Odyssee“ kam 2015 auf den Markt. Sehbehinderte können über BLISTA und die Deutsche Zentralbücherei für Blinde in Leipzig ein Exemplar in Braille bestellen. Denn der Autor möchte, dass jeder die Möglichkeit hat, auf literarischem Weg die Welt zu entdecken. „Hinter dem Horizont rechts“ ist das zweite Buch der Serie und wurde im September 2016 erstmals veröffentlicht, gleichzeitig auf Deutsch und Englisch (englischer Titel: „Right Beyond the Horizon – A Motorcycle Odyssee“). Es ist neben der Druckversion auch als E-Book (Kindle und ePub) in deutscher und englischer Sprache bei Amazon.de erhältlich.

Hinter dem Horizont links –  Acht Jahre mit dem Land Rover um die Welt

Hinter dem Horizont rechts – Vier Jahre mit dem Motorrad von Europa nach Australien

Um mehr Infos über die Reisen und die künftigen Projekte von Christopher Many zu erhalten, besuche entweder seine Website (www.christopher-many.com) oder nehme direkt mit dem Autor über die Facebook-Seite seines Buchs Kontakt auf (www.facebook.com/Hinter.dem.Horizont.links).

Veröffentlicht von Ronjas Mensch

Falknerei ist kein Hobby, es ist Leidenschaft. - Ronja meint: "Falknerei ist die Kunst, einen Menschen an sich zu binden. " ;-)

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