Auch Falkner müssen Lehrgeld bezahlen / Falconers also have to learn the hard way

~~ For the complete text in English please scroll all the way down. ~~

Mein zweiter Beitrag hier im Blog wird für eine Weile mein letzter Beitrag sein.
Ich werde zur Ausbildung woanders hinreisen. Wie es dazu kommt, das erzähle ich der Reihe nach.

Nach Ronjas Tod wollte mein Mensch ein Sakret (männlicher Sakerfalke). Die Auswahl auf dem Falkenmarkt im Internet war relativ klein. Sie bekam dann den Tipp, dass in Belgien einer stehen würde, den sie holen könnte. Das war ICH.
Erst zögerte sie wegen der langen Fahrt und dem hohen Preis, aber die Beschreibung, die sie über mich bekam, war verlockend.
Also fuhr mein Mensch eines Tages los, um mich zu holen. Sie freute sich sehr auf mich.

Als sie mich abholte war es dunkel, und die Züchter hatten wenig Zeit. Sie sah aber, dass mein Gefieder nicht leicht verbinzt (beschädigt) war, wie angekündigt, sondern sehr verbinzt. Das hätte sie vielleicht schon stutzig machen sollen. Bei der kurzen Übergabe wurde dann noch erwähnt, dass ich beim Kröpfen (Fressen) mantle (die Flügel über das Futter spanne) und schreie. Das hörte sich für meinen Menschen seltsam an, passte es doch nicht zu der Beschreibung, die sie über mich bekommen hatte. Vielleicht war mein Mensch zu gutgläubig. Sie nahm mich trotz allem mit.

Daheim merkte sie dann, dass ich lahne, und zwar nicht nur ein bisschen sondern sehr.
Lahnen bedeutet lauthals nach Futter betteln, wie es die Falkenbabys im Nest machen. Dieses Verhalten ist nicht gut, das mag kein Falkner, das nervt nach kürzester Zeit, und es macht das Arbeiten mit dem Vogel schwierig bis unmöglich.
Meine Züchter hatten „vergessen“ zu erwähnen, dass ich lahne. Hätten sie es meinem Menschen gesagt, hätte sie mich nicht gekauft.

Mein Mensch gab ihr Bestes, um mir das abzugewöhnen. Sie verbrachte Zeit mit mir, sie versuchte, mit mir Übungen zu machen (mit dem Federspiel), aber nichts half, es gab keinerlei Fortschritte in eine positive Richtung. Ich schrie sie in Grund und Boden, bis ihre Ohren pfiffen.
Also saß sie da mit mir, unglücklich und genervt. Das versteht jeder, der mal einen Falken gehört hat, der lahnt. Das ist SEHR laut!
Ich konnte nicht raus aus meiner Haut. Mit mir wurde vor meiner Abholung lange nicht gearbeitet, ich stand nur abgebunden am Block und verband den Besuch von Menschen einmal täglich mit Atzung (Futter).
Meine Züchter sahen nicht ein, einen Fehler gemacht zu haben, sie behaupteten, das Lahnen würde irgendwann von selbst wieder verschwinden. Andere erfahrene Falkner widersprachen dem aber und sagten, das würde nicht mehr verschwinden.

Mein Mensch hätte nie gedacht, dass es auf dem Falkenmarkt fast genauso zugeht wie bei Gebrauchtwagen: man wird oft angelogen, Dinge werden verschwiegen, und es geht wie immer oft nur um Geld.

Zum Glück hat mein Mensch einen Freund, der sehr viel Erfahrung mit Sakerfalken hat. Er hat sich bereit erklärt, sich um meine Ausbildung zu kümmern, er wird versuchen, mir das Lahnen abzugewöhnen. Vielleicht gibt es doch noch ein Happy End.

Im Leben muss man oft Lehrgeld bezahlen. Schlechte Erfahrungen sind nicht schön, sie frustrieren, sie demotivieren. Und sie führen dazu, dass die Menschen immer weniger glauben und immer weniger vertrauen.
Mein Mensch sagt, dass es ihr fast das Herz zerreißt, mich gehen zu lassen, obwohl ich in den besten Händen sein werde. Abschiede sind doof!

Ich begebe mich nun auf meine Reise in den Norden, zu meinem Ausbilder.
Drückt mir die Daumen.
Euer Merlin

My second post here on the blog will be my last post for a while.
I will travel somewhere else for training. I will explain how it has come to that.

My human wanted a Sakret (male Saker falcon). The selection was relatively small. She then got the tip that there was one available in Belgium, which she could get.
That was ME.

At first she hesitated because of the long drive and the high price, but the description she read about me was tempting.
So one day my human drove off to get me. She was looking forward to seeing me.

When she came to pick me up it was dark and the breeders had little time. However, she saw that my plumage was not „lightly damaged“ as advertised, but very damaged. Perhaps that should have already made her suspicious. During the short handover it was then mentioned that I „mantle“ (stretch my wings over the food) and scream when I eat. This sounded strange to my human, as it did not match the description she had received about me. Perhaps my human was too gullible. She took me with her in spite of everything.

Then at home she noticed that I was screaming for food, and not just a little bit but a lot. This behavior is not good, no falconer likes it, it gets on nerves after a short time, and it makes working with the falcon difficult to impossible.
My breeders had „forgotten“ to mention that I scream so horribly. If they had told my human, she would not have bought me.

My human did her best to break me of the habit. She spent time with me, she tried to do exercises with me (with the lure), but nothing helped, there was no progress in a positive direction. I screamed my head off until her ears were whistling.
So now she sat there with me, unhappy and annoyed. Anyone who has ever heard a falcon screaming understands this. It is VERY loud!

I couldn’t change who I was. I was not worked with for a long time before I was picked up, I only stood tied up on the block and associated the visit of humans once a day with food.

My breeders did not acknowledge that they had made a mistake; they claimed that I would at some point stop screaming on my own. But other experienced falconers contradicted this and said that the habit would no longer disappear.
My human would never have thought that the falconry market is almost the same as used cars: you are often lied to, things are concealed, and it is often just about money.

Fortunately, my human has a friend who has a lot of experience with Saker falcons. He has agreed to take care of my training and wants to try to get me out of the habit of screaming. Maybe there will be a happy ending after all.

In life, you often have to learn the hard way. Bad experiences are not nice, they frustrate, they demotivate. And they lead to people believing less and less and trusting less and less.
My human says it almost tears her heart to let me go, even though I will be in the best of hands. Goodbyes are stupid.

I am now embarking on my journey north to my instructor.
Keep your fingers crossed for me.
Your Merlin


Veröffentlicht von Faszination Falke

Falknerei ist kein Hobby, es ist Leidenschaft. Für einen Falken ist Falknerei die Kunst, einen Menschen an sich zu binden. ;-)

5 Kommentare zu „Auch Falkner müssen Lehrgeld bezahlen / Falconers also have to learn the hard way

  1. Diese Geschichte, lieber Merlin, macht mich ganz traurig, und ich halte Dir und Deinem Menschen ganz feste meine Daumen, dass Du schnell ein anderes Verhalten lernst: ganz viel Glueck dabei!
    Liebe Gruesse,
    Pit

    Gefällt 1 Person

  2. Ach, Merlin, das tut mir leid, dass Du nun wieder umziehen musstest. Aber wenn Dein Gastgeber Dir erklären kann, dass manteln und lahnen für Dich gar nicht notwendig sind und dass dein Mensch dich auch ohne das versteht, dann kannst du bald wieder zu Deinem Menschen zurück. Ich drücke ganz fest die Daumen dafür!

    Gefällt 2 Personen

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